Hab ich mir ungewollt/gewollt ein Biofilter gebaut?

  • Moin Moin,

    ich habe eine ausgekoppelte Frage zu Erfahrungen und möglichen Konsequenzen:

    Ich betreibe janein Makroalgen-/Weichkorallenbecken mit einigen einfachen LPS. Im Hauptbecken wachsen großflächig Makroalgen, insbesondere Caulerpa, sehr gut. Zusätzlich halte ich drei Austern. Im Lebendgestein habe ich mittlerweile kleine lebende Muscheln entdeckt, außerdem Röhrenwürmer sowie meie eingesetzten größeren.

    Im Filterbecken is ein kleiner Abschäumer, der bisher jedoch nicht in Betrieb war. Zusätzlich filtere ich aktuell über Aktivkohle und jetzt noch die Filterwatte, um die Partikellast etwas zu reduzieren.

    Dort hatte ich zuvor unbeleuchtetes Rest-Lebendgestein gelagert. Dieses ist inzwischen stark von Schwämmen und Seescheiden besiedelt, die sich im gesamten Filterbecken ausbreiten. Auch im Hauptbecken treten an einigen Stellen Schwämme auf. Die ersten Kalkrotalgen wachsen bereits an der Rückwand – insgesamt wirkt das System sehr stabil und lebendig.

    Detritus entferne ich gelegentlich, allerdings ist die Menge eher gering und es gibt keine größeren Ansammlungen. Im Technikbecken hat sich am Boden eine etwa 2–3 mm dünne Schicht gebildet, die nicht durchgängig ist und stark von Gammarus und Würmern besiedelt wird.

    Insgesamt wirkt es so, als würde das System überwiegend biologisch arbeiten und nur in geringem Maß mechanisch unterstützt werden.

    Dazu meine Fragen:

    Gibt es gute Quellen zu solchen biologischen Systemen?

    Wo liegen hier die typischen Grenzen oder Kipppunkte?

    Wenn ich es richtig verstehe, hängt das System stark vom Futtereintrag ab. Bei mir besteht dieser hauptsächlich aus Feinfutter, Lebendfutter und etwas abgestorbenem Phytoplankton.

    Der entstehende Detritus scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen: als Grundlage für Bakterioplankton, das wiederum Nahrung für Mikrofauna und Filtrierer wie Schwämme Und Röhrenwürmer darstellt und letztlich in Biomasse überführt wird. Die Makroalgen übernehmen dabei den Nährstoffexport (NO₃/PO₄).

    Die zusätzliche mechanische Filterung (zuvor durch Ausschütteln der Algen, jetzt durch Filterwatte) sorgt zusätzlich für direkten Stoffaustrag.

    Mir ist bewusst, dass in einem solchen System vermutlich keine anspruchsvollen SPS und nur bedingt empfindliche LPS funktionieren. Mich interessiert vor allem: Wo liegt der Kipppunkt und worauf sollte man in so einem Setup besonders achten?

    beste Grüße aus Göttingen


    Sven

  • Wenn du jetzt noch ein Becken azyklisch Nachts beleuchtest und somit dein PH stabilisiert, hört sich alles sehr gut an.


    Woran erkennst du, dass es klappt? Wenn in 2-3 Jahren deine Wasserwerte immer noch passen und im grünen Bereich sind. 😇

    VG

    Chris

  • Hallo Chris,

    das Becken was antyzyklich beleuchtet wird war der Plan aber da sprechen gerade die schwämme und scheiden dagegen aber vielleicht lässt sich da noch etwas bauen.

    Du hast natürlich vollkommen recht was die langzeitbetrachtung angeht, daher ist meine Frage welche zuverlässigen Quellen es da gibt, die mit einem solchen System gut Fahren oder eben weniger gut.

    beste Grüße aus Göttingen


    Sven

  • Was ist für dich denn ein biologisches System? Für mich sind es mikrobiologische Prozesse, die in jeder Mikrofauna sprich Becken stattfinden. Technik oder Geräte unterstützen einem nur und erlauben mehr Eintrag oder sensiblere Tiere zu halten.


    Was du vermutlich als biologisches System betrachtest, würde ein DSB wohl am nächsten kommen. Funktioniert, macht heutzutage eigentlich kaum jemand mehr.


    Ich nehme mir ein Beispiel an großen bzw erfolgreichen Farmen. Die Leben vom Verkauf der Korallen, d.h. was bzw wie sie es machen dürfte grundlegendes nicht verkehrt sein.


    Und nein, wir können kein Meer oder Ozean im Aquarium/Becken nachstellen, wir erzeugen ein ganz eigenes (hoffentlich für sich langfristig laufendes) System. ZB Abschäumer hat sich über Jahre etabliert und hat durchaus einen positiven Effekt.

    VG

    Chris

  • Da habe ich mich etwas unklar ausgedrückt. Klar, in jedem Becken ist die Biologie der essenzielle Filter, in der gängigen Praxis eben stark durch Technik unterstützt. Beim Abschäumen ist es ja primär das Ziel, das organische Material herauszuholen, bevor es in die Nahrungskette geht – mal abgesehen von der Kohlenstoffdosierung. Da spielt dann die biologische Aktivität den entscheidenden Punkt.

    Bei mir ist es aktuell eher so, dass der Großteil einfach im Becken bleibt und verwertet wird, also eine noch stärkere Gewichtung der Filterung durch Mikroorganismen.

    Ein mir wichtiger Teil bei dem Projekt sind Filtrierer: Muscheln, Röhrenwürmer und NPS-Korallen. Daher war im Grunde von Anfang an die Entscheidung, nur über Lindenholz abzuschäumen und nur so viel wie nötig. Das scheint aktuell besser zu funktionieren, als ich es mir erhofft hätte (denn bisher war es nicht nötig). Daher auch nicht nur, weil ich Makroalgen schön finde, sondern weil sie auch Lebensraum für Mikroorganismen bieten und gleichzeitig den Nährstoffexport mit übernehmen können. Meiner Meinung nach ist der Fokus hier schon etwas anders, da ich im Prinzip "schwiriger" zu haltende Tiere, aber in einer anderen Richtung, im Blick habe.

    Dass man hier die Nahrungsnetze und Abläufe so wie im Ozean nicht nachbilden kann, ist mir natürlich auch bewusst. Der Vergleich mit dem DSB geht dann schon eher in diese Richtung.

    Im Prinzip ist halt die Frage, ob ich irgendetwas Wichtiges vergesse, wo es später im Verlauf kritisch wird. Und ich denke, der Detritus muss gut abgebaut und im Blick behalten werden, und die Fütterung müsste ebenfalls passen – also nicht zu viel, aber genau richtig, um das Milieu für die Filtrierer in einem guten Bereich halten zu können.

    Mein Fokus ist also nicht das klassische LPS-/SPS-Riff, sondern eher ein Mischkonzept aus NPS /Gorgonien und LPS. Die Makroalgen sind dabei auch ganz interessant und funktional.

    beste Grüße aus Göttingen


    Sven

  • Der grundlegende Unterschied im Aquarium ist die Futterdichte, diese dürfte um den Faktor 50 niedriger sein, sowohl Phyto- als auch Zooplankton. Für einem Großteil der NPS und filtrierer Becken muss meistens soviel Futter eingetragen werden, dass dieser nicht verwertet wird und nach 2-3 Jahren zu massiven Problem wird.


    Im ersten Jahr bildet sich deine Mikrofauna, meistens zieht toter Sand oder Gestein noch ordentlich Nährstoffe, bis es nach ca +/- 12 Monate gesättigt ist. Viele betreiben ein Algenrefugium um die Nährstoffe aus dem System zu bekommen, auch gibt's Algenreaktoren die man an-/zwischenschließen kann.


    Letztendlich kommt's aber auf dein Gesamtkonzept an. Letztendlich ist es immer das Spiel von Eintrag und Austrag. Und in keinem mir bekannten Becken ist ein 100%iges Gleichgewicht etabliert worden. Man geht lieber in eine Limitierung und dosiert das fehlende nach als zuviel, eine Anreicherung zu haben und die Notwendigkeit es künstlich zu entfernen zu müssen. Und wie gut du dein System etabliert hast, wirst du nach 2-3 Jahren sehen.

    VG

    Chris

  • Soweit einleuchtend. Gilt das auch für Lebendgestein, was den Nährstoffentzug anbelangt? Wenn die Sättigung erfolgt ist, würde sich das eher durch einen schleichenden Anstieg bemerkbar machen, bei dem man mit einer Anpassung der Abschäumung wieder gegenarbeiten kann, oder hat man dann eher einen problematischen, sprunghaften Anstieg?

    Ich hoffe, ich nerve dich nicht mit der ganzen Fragerei, aber im Gegensatz zu den klassisch aufgebauten Weichkorallen-/LPS-/SPS-Becken hat man bei NPS recht wenige Informationen, die überall herumschwirren.

    Bei der Zufütterung bin ich, denke ich, nicht in einem kritischen Bereich. Dass später wahrscheinlich der Austrag aus dem System immer angepasst werden muss, ist mir auch klar. Ich hatte auch nie vor, in dem Sinne ein Gleichgewicht zu schaffen. Alles, was als Organik ins Becken eingetragen wird, muss ja irgendwo hin – sei es durch Wachstum von Korallen, Algen oder Schwämmen. Hinzu kommen der Austrag durch Aktivkohle und Wasserwechsel sowie ein Teil des Detritus.

    Also eigentlich eine Sache, die man pauschal wie so vieles nicht beantworten kann, sondern die man genau beobachten muss, um zu sehen, wie sie sich entwickelt.

    beste Grüße aus Göttingen


    Sven

  • Gibt es gute Quellen zu solchen biologischen Systemen?

    welches biologische system meinst du?

    hier handelt es sich um die normalen ablagerungen, die hier nur offen sichtbar sind. diese sind im ganzen becken eher unsichtbar und in grosser menge vorhanden und gehören zum gesamten biosystem.


    definiere mal was du mit kipppunkt meinst. nährstoffeintrag oder überschuss? das liesse sich ja dann messen. gefährlich würde es aber kaum werden. eine schichtdicke von ein paar millimetern stellt kein problem dar, solltest du bedenken haben, dass sich dort giftstoffe durch anaerobe aktivitäten bilden. dafür ist es zu gut beströmt.

    hat mit dsb auch nichts zu tun. dort gehts ab einer schichtdicke von 10cm sand los mit einer gigantischen siedlungsoberfläche für bakterien. also kein detritus, sondern sand, wo bakterien und andere lebewesen reste verwerten und umgewandelt werden. davon kann man hier nicht sprechen. jedenfalls nicht als eigenständiges system ansich.


    wie du beschreibst scheint es so eine für dein becken positive wirkung zu haben. trotzdem würde ich dort immer mal etwas regulierend eingreifen und teile absaugen.


    signatur.jpg


    Hilfreiche Informationen von der Einrichtung

    bis zum Betrieb des Beckens

  • Bei Totgestein ist es meist sprunghaft, bei LS eher schleichend. Du änderst ja immer noch sehr viel am System d.h. deine Biologie findet sich immer wieder neu.

    Ich wollte nur erwähnen, das Gleichgewicht ist das, was wir eigentlich anstreben. Für Detritus oder Reste gibt's auch Tiere für, klassische Resteverwerter. Spielt alles mit rein. Und sehen tust du es an den Werten die du messen kannst.


    Bei LPS/SPS Becken sieht man es auch gut am Tagesverbrauch an KH, wie gut es eigentlich läuft und wächst. Kommt halt auf die Tiere an. Bei NPS ob sie überhaupt wachsen und Gewebe bilden oder bei Algen, ob sie sich in einer gewissen Zeit verdoppeln sprich Wachstum vorhanden ist. Etwas schwieriger, aber ich finde immer, Wachstum zeigt dir an ob alles passt.

    VG

    Chris


  • definiere mal was du mit kipppunkt meinst. nährstoffeintrag oder überschuss? das liesse sich ja dann messen. gefährlich würde es aber kaum werden. eine schichtdicke von ein paar millimetern stellt kein problem dar, solltest du bedenken haben, dass sich dort giftstoffe durch anaerobe aktivitäten bilden. dafür ist es zu gut beströmt.


    Ja das war so in etwa meine Bedenken, dann wäre es aber wenn ich euch richtig verstehe da der Großteil mit Lebendgestein aufgebaut ist aber Messbar und somit durch zuschalten von Abschäumung / absaugung händelbar.


    w

    wie du beschreibst scheint es so eine für dein becken positive wirkung zu haben. trotzdem würde ich dort immer mal etwas regulierend eingreifen und teile absaugen.

    Ja so mach ich es akktuell das ich beim Wasserwechsel da immer mit etwas durch reinige, dann verfahre ich mal weiter so wie bisher.



    Bei LPS/SPS Becken sieht man es auch gut am Tagesverbrauch an KH, wie gut es eigentlich läuft und wächst. Kommt halt auf die Tiere an. Bei NPS ob sie überhaupt wachsen und Gewebe bilden oder bei Algen, ob sie sich in einer gewissen Zeit verdoppeln sprich Wachstum vorhanden ist. Etwas schwieriger, aber ich finde immer, Wachstum zeigt dir an ob alles passt.

    Die Caulerpas sprießen Ordentlich und stutze Sie immer mit zurück. Bei den Filtrierenden Gorgonien ist auf alle Fälle wachstum vorhanden, auch der Rest wächst nicht rückwerts sondern wird größer.

    beste Grüße aus Göttingen


    Sven

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